19. Türchen

13-19

New York, Manhattan, Lower East Side, 1947

Spekulucius drückte die Nase gegen das Fenster. Am Esstisch saßen nur Frauen. Sollte ihm recht sein – die waren so wunderbar emotional! Und ein Kind! Kinder waren immer gut! Das kleine Mädchen sah aus, als hätte es genug Gefühle, um die Frau mit dem Kraushaar gleich mit weihnachtlicher Vorfreude mitzuversorgen. Spekulucius schlüpfte in das Wohnzimmer. Vielleicht hatte es doch sein Gutes, dass die beiden Dämonen ihn mit einem saftigen Fußtritt in die Vergangenheit hatten schicken lassen …

„Moira, musst du beim Essen rauchen?“ Eine Dame im besten Alter, die der Kraushaar-Frau erschreckend ähnlich sah, runzelte ungehalten die Stirn.

„Tschuldigung, Grandma.“ Die Frau namens Moira drückte ihre Zigarette aus. Spekulucius schnüffelte und rümpfte die Nase. Nicht wegen des Qualmgestanks, natürlich. Die Frau war Zynikerin. Sie würde bitter schmecken wie eine unreife Grapefruit. Die sommersprossige Schönheit mit den Rehaugen, die ihr gegenüber saß, dagegen … Genüsslich sog Spekulucius den Duft ein – der erdige, der unter ihrem süßen Parfüm waberte. Zerbrechliche Freude, frisch, wie Krokusse, die zaghaft die Blüten aus dem Schnee reckten. Zerbrechliche Freude nach großer Traurigkeit. Ah, wenn diese Frau nur halb so gut schmeckte wie sie roch, dann musste er den blöden Dämonen wohl eine Dankeskarte schreiben, dass sich ihre Strafe in etwas dermaßen Appetitliches verwandelt hatte … und dieser Idiot, Cinn, würde vor Ärger explodieren, dass sie Spekulucius nicht einfach gegessen hatten! Ha!

„Noch Wein, Bianca?“ Unter dem missbilligenden Blick ihrer Großmutter füllte die Frau namens Moira der hübschen Rehäugigen das Glas auf.
„Darf ich auch?“, piepste das kleine Mädchen.
Die Frauen lachten.
„Dafür bist du noch zu jung, Jennifer“, verkündete die Großmutter, die Catriona Bran hieß, wie Spekulucius feststellte. Im Stillen taufte er sie „die alte Wachtel“ – auch wenn sie nicht wie eine Großmutter aussah. Nach einmaligem Schnuppern wusste Spekulucius, dass sie noch ekliger schmecken würde, als die Moira-Enkelin.

„Frag in ein paar Jahren noch mal, Spatz.“ Rehaugen-Bianca strich ihrer Tochter liebevoll über den Kopf. Spekulucius kroch näher. Witwe. Frische Witwe. Der Mann, noch einer von den Bran‘schen Krausköpfen, war nicht nach Amerika zurückgekehrt, nachdem man ihn in den Krieg geschickt hatte, und erst jetzt, zwei Jahre später, tat es nicht mehr so weh, dass Bianca die Weihnachtszeit überstehen konnte, ohne ständig in Tränen auszubrechen. Die Zeit mit ihrer Schwägerin und Schwiegeroma tat ihr gut, und Jenny erst recht.

Jenny. Spekulucius beäugte das kleine Mädchen. Nicht ganz so unbeschwert, wie eine Dreijährige sein sollte, aber als Vorspeise … ja. Und die Mama als Hauptgang. Spekulucius leckte sich die Lippen.

KNALL.

„Scheiße, Moira, was zur Hölle!“
„Man soll nicht fluchen, Mama!“
„Hast du’s, Moira?“
„Keine Ahnung, ich seh nichts, Grandma. Du bist doch die ausgebildete Hexe!“

Spekulucius trat und kratzte und biss um sich, doch Moira hatte ihn, auch wenn sie ihn scheinbar immer noch nicht sah. Ihre Finger klemmten in seinem Nacken wie ein Schraubverschluss. Bäh, sie schmeckte wirklich nicht!

„Was ist denn da?“ Hastig zog Bianca ihre Tochter auf die Beine und zerrte sie fort vom Esstisch.
Catriona Bran setzte eine Brille mit smaragdgrünen Gläsern auf die Nase. „Igitt!“
„Selber igitt!“ Spekulucius streckte der alten Wachtel die Zunge raus. Beim Klang der unsichtbaren Stimme fing die kleine Jenny vor Schreck an zu weinen. Prompt verpuffte der köstliche Duft. „Toll, ihr albernen Gänse! Jetzt habt ihr das Abendessen verdorben!“ Und langsam ging es ihm gehörig auf den Keks, ständig bei der Jagd erwischt zu werden. Was war denn bloß los?

„Was ist das?“ Moira packte Spekulucius fester. „Was genau beißt mich da gerade?“
„Ein Emon.“
„Ein Dämon?“
„Emon, Kind, es heißt Emon. Dämonen gibt’s nicht.“
Spekulucius schnaubte. Wenn die alte Wachtel wüsste!
Moira presste die Lippen aufeinander. „Grandma, spar dir ausnahmsweise deinen ‚Das wüsstest du, wenn du nicht nur eine halbe Hexe wärst‘-Blick und hilf mir, das Ding rauszuwerfen.“
„Ding!“, zeterte Spekulucius, „Ding!“
Catriona öffnete das Fenster. „Schmeiß es einfach raus.“
Es!“ Empört schnappte Spekulucius nach Luft. „Ich bin doch kein- Ey!“
Moira warf ihn geradewegs aus dem Fenster. Zu Spekulucius‘ Glück konnte sie ihn nicht sehen und bemerkte nicht, dass er sich sogleich an der Fensterbank festklammerte, doch Grandma Bran knallte in Windeseile das Fenster zu und versiegelte selbst den kleinsten Schlitz mit Magie. Durch die Scheibe sah Spekulucius, wie sich die Moira-Frau demonstrativ eine neue Zigarette anzündete.
„Dann erzähl mal, Grandma. Was ist ein Emon?“

Grummelnd kehrte Spekulucius der Familie den Rücken. Amerika war ätzend. Die 40er waren ätzend. Blödes Amerika, blöde Dämonen, blöde Zeitmaschine, blöde … Ruckartig hob er den Kopf. Blöde Magier! Alles hatte mit den Magiern der Scara angefangen, die seine Brüder und Schwestern bei der Turnhallenrazzia eingefangen hatten! Er musste dringend den Typen mit der Zeitmaschine wiederfinden.

– – –

Fünfzig Jahre später, in Hamburg, stießen ein Mann in Schwarz und eine Frau in Blau mit Absinth auf ihren Fang an.
„Aber dekadent war das schon“, sagte die Frau in Blau. „Eigentlich sind Zeitreisen zu teuer, um sie für einen Emon zu verschwenden.“
„Das sagst du nur, weil du nicht von ihm gebissen wurdest“, erwiderte der Mann in Schwarz. „Ich sage, das war’s wert.“

– – –

Etwa zur gleichen Zeit, in London, hievte Artemis Ravenna zwei Kanister voller Therox-Sud durch die Labortür.

„Wurde auch Zeit“, rief Maras van Nill über die Schulter. Sie stand mit ausgebreiteten Armen mitten im Raum, in jeder Hand einen hölzernen Talisman. Magie sirrte aus ihren Fingerspitzen, doch die Kisten mit den Emonen rappelten so energisch, dass das Holz zu bersten drohte.

„Scheiße, wie sind die innerhalb von zwei Stunden so wild geworden?“ Matt ließ Artemis die Therox-Kanister zu Boden sinken. „Okay. Lass uns die Drecksviecher baden!“

 

© Isabel Schwaak

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