20. Türchen

13-20

„Sind wir eigentlich gegen Emonen-Schäden versichert?“, fragte Artemis Ravenna, die irgendwo auf der anderen Seite des Raums lag. Hinter dem Trümmerhaufen der Holzkisten, in denen die Emonen eingesperrt gewesen waren.

„Keine Ahnung. Aber Emonen-Umkonditionieren ist ja auch eigentlich nicht unser Job.“ Erschöpft sank Maras van Nill auf den Waschtisch – oder das, was von ihm übrig war.

„Ich liebe dich dafür, dass du diesen Satz nach der ganzen Scheiße immer noch so biestig über die Lippen bringst.“ Artemis‘ verschwitztes Gesicht tauchte hinter den Holztrümmern auf. Das schwarze Haar stand ihr in alle Richtungen vom Kopf ab, ihre Unterlippe blutete, ein Kratzer zog sich von ihrer rechten Schläfe bis zu ihrem linke Mundwinkel (kurz: Im Vergleich zu Maras sah sie immer noch blendend aus), doch sie lächelte. „Das war eine gute Idee.“

„Das sagst du jetzt.“ Maras betastete ihr geschwollenes Augenlid. „Warte mal ab, bis wir die Wesenschutz-Organisation am Hals haben. ‚Das ist Wesen-Quälerei‘… Und warte auch erst mal ab, ob alle Beteiligten unser kleines Experiment überleben.“

Sie wandten gleichzeitig die Köpfe. Die Waschmaschine machte ungesunde Geräusche – scheinbar lebten zumindest die Emonen noch. Ihr Versuch, die Bratzen in einen Badezuber zu stecken, war gründlich in die Hose gegangen. Abgesehen von dem fünften Ausbruch der Mistviecher hatte Maras versehentlich einen Emon ertränkt – zumindest hatte sie das gehofft, bis das Biest ihr in die Nase gebissen hatte. Seitdem sah sie die Welt wieder schwarzweiß, obwohl Artemis ihr sofort einen Humpen Therox-Sud eingeflößt hatte. Es war reiner Zufall gewesen, dass sie gerade beide durch die Wache gehumpelt waren, als Eneas Thorn sich lauthals darüber beschwerte, dass die Waschmaschine in seinem Mietshauskeller das Emonenblut nicht aus der Uniform spülen konnte. Weder Maras noch Artemis hatten auch nur einen Gedanken an Menschenerfindungen verschwendet. Nun wusch Eneas‘ Maschine kein Emonenblut, sondern Emonen. Die Frage war bloß, wer diesen geräuschvollen Krieg gewann: Das Gerät oder die Drecksviecher, die in seinem Inneren rebellierten.

„Vielleicht müssen wir noch Therox nachschütten.“ Artemis legte das Ohr an die Maschinentür, zuckte jedoch gleich zurück, als es darin scheußlich fauchte.
„Wir haben doch schon einen ganzen Kanister reingekippt.“ Maras gähnte. „Möglicherweise ertränken wir sie sonst wirklich.“
Amüsiert hob Artemis eine Augenbraue. „Das willst du doch, oder nicht? Ich musste dich vorhin gewaltsam davon abhalten, keinen Weichspüler dazuzumischen.“
„Hätte bestimmt nicht geschadet.“ Maras blinzelte angestrengt. Das Licht hier unten war nicht das Beste, die nackte Glühbirne flackerte, doch sie war sicher, dass sie eigentlich Farben sehen sollte. Der Keller kam ihr immer noch sepia vor.

Artemis drückte einen Knopf auf der Maschine, die gleich darauf verstummte. Die Emonen im Inneren jubelten bereits, doch Artemis kippte bloß einen großzügigen Schuss Therox ins Spülmittelfach und startete das Gerät erneut (die Emonen kreischten empört, sobald der Schleudergang einsetzte).

„Sag mir noch mal, warum wir sie nicht einfach umgebracht haben“, murmelte Maras. Sie war hundemüde – achtundvierzig Stunden ohne Schlaf forderten nun ihren Tribut. „Wäre die Welt wirklich schlimmer dran gewesen ohne diese Dinger? Die vermehren sich im Winter doch eh wie Karnickel.“

Artemis zuckte mit den Schultern. „Sie haben die Befehle nicht zu hinterfragen, Soldat“, imitierte sie ihren Einsatzleiter. Odin Grey hatte sie immerhin zu diesem unwürdigen Job verdonnert und sich seitdem nicht einmal blicken lassen.

Die Waschmaschine piepste. Fertig. Maras verschränkte Arme und Beine. „Ich will die Tür nicht aufmachen“, brummte sie. „Ich will für die nächsten zweihundert Jahre keine Emonen mehr sehen!“

„Aber es ist leise geworden.“ Vorsichtig näherte sich Artemis der Waschmaschine. „Meinst du, sie leben noch?“
„Hoffentlich nicht.“ Widerwillig gesellte sich Maras zu ihr. Jeder Knochen, jeder Muskel in ihrem Körper protestierte gegen die Bewegung.

Artemis atmete tief durch. Dann öffnete sie die Waschmaschinentür einen Spaltbreit und kniff die Augen zusammen, als befürchtete sie, ihr würden Pest und Pestilenz entgegenstürmen. Stattdessen schob sich eine feuchte Spitznase aus dem Spalt und schnupperte vorsichtig. Wenn Maras sich nicht täuschte, handelte es sich bei dem Emon, der ein wenig desorientiert aus der Waschmaschine krabbelte, um das Exemplar, das sie gebissen hatte. Trotz des hohen Schleudergangs sah das Vieh immer noch aus wie ein teuflischer Waschbär. Ein patschnasser teuflischer Waschbär, der in tapsigen Schlangenlinien geradewegs auf Maras zuwankte.

„Wenn du mich beißt, breche ich dir das Genick. Hörst du, Freundchen?“
„Deine Vorweihnachtsstimmung ist überwältigend“, kommentierte Artemis, während weitere Emonen aus der Waschmaschine tröpfelten.
„Vorweihnachten am Arsch“, grummelte Maras. Argwöhnisch erwiderte sie den Blick des Emons, der sie seinerseits von Kopf bis Fuß musterte, die Pfote ausstreckte und ihr Bein anstupste. Dann benutzte er die Nase statt der Pfote.
„Ich glaub, er will, dass du ihn streichelst.“
„Das fürchte ich auch.“ Maras beugte sich zu dem Emon hinab. „Du bist aber kein Hund und auch keine Katze, verstehst du? Du… uah!“
Ehe sie sich versah, hüpfte der vorwitzige Emon und leckte ihr einmal übers Gesicht.
„Bäh!“ Hastig wischte sich Maras mit dem Ärmel über die Nase. „Können die eigentlich Tollwut kriegen? Das ist doch… – Hey, Art?“
„Mh?“ Artemis beobachtete das Schauspiel mit sicherem Abstand und einem hölzernen Talisman in der Hand – nur für den Fall, dass sie die Viecher erneut mit Magie einfangen mussten. „Alles gut?“
„Du hast ein Veilchen. Es ist blau.“
„Ja, ich weiß, es tut sauweh.“
„Nein, es ist blau, Art! Ich sehe wieder Farben!“
Artemis riss die Augen auf. „Im Ernst? Kein Schwarzweiß mehr?“
„Technicolor! Weißt du, was das heißt?“

Unisono senkten sie den Blick. Der Emon schaute selbstzufrieden zurück. Seine Brüder und Schwestern scharten sich um ihn. Sie griffen nicht an, fauchten, kratzten und bissen nicht, sondern guckten bloß verwundert durch die Gegend. Einer von ihnen rülpste eine Theroxwolke aus.

„Wir haben sie umkonditioniert!“ Ungläubig schüttelte Maras den Kopf. „Wir haben es geschafft!“

Als die beiden Hexen einander jubilierend um den Hals fielen, wandten sich die Emonen gelangweilt ab. Es hatte so lecker hier gerochen, aber so freudig, wie die Frauen quietschten, gab es hier gerade nichts zu essen.

 

© Isabel Schwaak

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