22. Türchen

13-22

„Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Die alte Hexe setzte ächzend ihre Last im Schnee ab. Nichts geschah. „Ich hab Plätzchen“, fügte sie hinzu. Für gewöhnlich stellte sich Rapunzel taub für jeden, der nicht ihre Ziehmutter war, und tatsächlich öffneten sich die Turmfenster nur zögerlich.

„Wir kaufen nichts!“, tönte eine gelangweilte Stimme, ehe ein ebenso gelangweiltes Gesicht im Fensterrahmen erschien. Das Mädchen wurde mit jedem Jahr hübscher, das musste die Hexe zugeben. Allerdings hatte die Pubertät Rapunzel in den Klauen, und das genervte Schmollen, das sie in Gegenwart von Erwachsenen auf ihr Gesicht schraubte, stand ihr genauso wenig wie allen anderen Teenagern. „Ach, du bist’s, Greta. Moment.“

Mit einem dumpfen Plumpsen landete ein Zentner dicken blonden Haares neben der Hexe auf der verschneiten Erde.
„Danke, Liebes. Warte einen Augenblick, ich muss nur-“
„Oah, nee!“ Prompt schnellten die Haare wieder nach oben.
„Junge Dame!“ Entnervt hob Greta den Kopf. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit! Deine Mutter kommt bald, wir müssen noch den Baum schmücken und-“
„Du schnallst keinen Weihnachtsbaum an meine Haare!“ Empört funkelte Rapunzel von ihrem Turm. „Seh ich aus wie ein Lastenzug?“
Greta verbiss sich den naheliegenden Kommentar, dass Rapunzel wortwörtlich für jeden Besucher den Fahrstuhl spielte – die Sache mit dem Turm war wirklich nicht Gothels beste Idee gewesen. „Und wie soll ich das Ding sonst da hoch bekommen, junge Dame?“
„Bist du eine Hexe oder nicht?“
„Werd bloß nicht frech, Fräulein!“
„Meine Haare kriegen Spliss ohne Ende, wenn du eine Nordmanntanne dranhängst!“

„Das ist eine Fichte!“ Greta knirschte mit den Zähnen. Teenager! Zugegeben, gegen die Kröten, die ihr schönes Lebkuchendach gefressen hatten, war Rapunzel ein liebes kleines Engelchen. Aber auch wirklich nur im Vergleich zu Hänsel und Gretel! „Du willst doch eine arme alte Frau nicht zu so einem Kraftakt zwingen!“ Doch Rapunzels Schopf baumelte weiterhin außerhalb ihrer Reichweite. „Unhöfliches Gör“, brummte die Hexe, während sie mit einer Hand ihr Bäumchen festhielt und mit der anderen nach ihrem Zauberstab angelte. Sie machte sich nicht die Mühe, Rapunzel zu warnen. Mit einem Schwung ihres Zauberstabs schoss die Fichte schnurgerade in die Höhe und sauste geradewegs durch das Turmfenster. Greta wischte sich den Schweiß von der Stirn und kicherte vergnügt, als das Gör im Turm wie ein Rohrspatz zu schimpfen begann.

„Rapunzel, lass dein Haar hinunter!“

Rapunzels zornrotes Gesicht erschien im Fenster. Ein Fichtenzweig ragte aus ihrem Ohr. „Ich sollte dich da unten stehen lassen, bis du schwarz wirst!“ Sie schubste ihren Schopf von der Fensterbank. Diesmal packte Greta die Haarpracht, ehe Rapunzel es sich erneut anders überlegen konnte.

„Schmoll nicht, Süße“, keuchte Greta, während sie sich an dem Tau aus Haaren den Turm hinaufhangelte. „Du willst doch – uff! – auch, dass deine Mutter ein schönes – huch! – Weihnachten hat, nicht wahr?“ Prustend zog sie sich über die Fensterbank und purzelte in das Turmzimmer.
Rapunzel verschränkte bloß die Arme. „Klar, aber kann sie Weihnachten nicht mit euch feiern?“
„Tut sie doch.“ Greta stellte ihren Beutel ab.
Bei euch?“
„Ach, Schätzchen.“ Greta kniff dem Mädchen in die Wange (weil sie genau wusste, wie sehr Rapunzel das hasste). „Gothel will Weihnachten mit der Familie verbringen. Da stehst du an erster Stelle. Dann ich. Und dann Rumpel, der Wolf und Spiegelkönigin. – Oh, nicht ins Bett! Aus, Pfui!“

Die Fichte hatte es sich auf Rapunzels Bett gemütlich gemacht. Hurtig scheuchte Greta den Baum in eine andere Ecke des Raums. „Toll, jetzt sind überall Nadeln auf meiner Decke“, beschwerte sich Rapunzel.

„Komm, hilf mir schmücken, viel Zeit haben wir nicht mehr.“ Greta öffnete ihren Beutel und begann, Kerzen und Zimtsterne in die duftenden Zweige zu hängen. „Ist es dir wirklich so zuwider, mit uns Weihnachten zu feiern?“, fragte sie beleidigt. Die Zeiten, in denen Rapunzel sie Lieblingstante genannt hatte, waren wohl vorbei.

Doch Rapunzel sah tatsächlich ein wenig schuldbewusst aus, während sie einen Pfefferkuchenmann in die unteren Äste hängte. „Nein, nein, ich feiere ja gerne mit euch, aber … ich würde gerne etwas mit Leuten in meinem Alter unternehmen statt immer bloß hier herumzuhängen. Die Pechmarie hat mich eingeladen, aber Mama will mich nicht gehen lassen. Aschenputtel hat sturmfrei, und mich und den Nussknacker gefragt, ob wir kommen wollen, und im Dorf nebenan feiern sie die Rauhnächte durch, guck mal!“ Sie reichte Greta eine selbstgebastelte Einladung.

Hakennaserümpfend studierte die Hexe die Karte. „Woher hat denn Rotkäppchen deine Adresse? Das ist wirklich kein guter Umgang für dich, Rapunzel, mit diesem Mädchen solltest du dich nicht herumtreiben. Das ist eine Tierquälerin, Wolf hatte letztens ganz schlimmen Ärger mit… he, du sollst nicht den Baumschmuck aufessen!“

Doch Rapunzel schob sich mit finsterer Miene den Rest des Lebkuchens in den Mund. „Ich treibe mich nirgends rum! Weil ich nämlich nicht aus diesem Turm darf. Nur Dornröschen unternimmt noch weniger als ich. Ich bin fünfzehn, wieso darf ich nicht-“

„Weil deine Mutter sich Sorgen macht, Spätzchen. Die Welt ist ein zwielichtiger Ort. Sogar die Kinder sind böse!“ Greta schauderte bei dem Gedanken an Hänsel und Gretel.

„Komisch, Rotkäppchen findet Mama und ihre Freunde auch eher zwielichtig.“ Rapunzel grinste. „Wir können ja tauschen. Du ziehst in meinen Turm und ich beschütze dein Haus vor wildgewordenen Dachziegelfressern. Wie wär’s?“

Greta setzte zu einer spitzen Bemerkung an, doch ein Grölen vor dem Turm ließ sie verstummen.
„Rapante! Rapante, Rapante!“
Gequält verzog Rapunzel das Gesicht. „Och nee! Nicht schon wieder!“
Die Hexe und das Mädchen traten ans Fenster. Unten stand ein kleiner Kerl mit ziegelsteinrotem Gesicht und noch röterer Nase. Rapunzel stöhnte. „Warum muss Stilzchen schon betrunken hier herkommen? Die Feier hat noch nicht einmal angefangen!“

„Er sagt, er erträgt die Spiegelkönigin nicht unter zwei Promille.“ Greta schürzte missbilligend die Lippen. „Hol ihn hoch, Liebes. Sehen wir zu, dass wir ihn halbwegs nüchtern kriegen, bevor deine Mutter hier auftaucht.“ Gothel würde einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn Stilzchen schon wieder volltrunken Rapunzel schöne Augen machte.

Rapunzel murrte und stöhnte, während sie Stilzchen den Turm hinaufzog. Das Männlein stolperte durch das Fenster und strahlte mit glasigen das Bäumchen an, dessen Zweige sich bereits unter Gretas Gebäckschmuck bogen. „Oh Tannenbaum! Wie schön sind deine Blätter!“ Er küsste einen nadeligen Zweig zur Begrüßung und hickste.

„Das ist ’ne Fichte“, brummte Rapunzel.

 

© Isabel Schwaak

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