23. Türchen

13-23

Spekulucius genoss jeden Atemzug. Endlich wieder Gegenwartsluft! Die 1940er hatten wirklich gestunken! Zeitreisen waren eindeutig überbewertet! Dankbar winkte er dem Auto hinterher, das ihn hier abgesetzt hatte. Der alte Kerl mit dem wilden weißen Haar winkte durch die Rückscheibe, ehe er beschleunigte (es quietschte so fürchterlich, dass es Spekulucius in den Ohren klingelte) und das Auto auf Nimmerwiedersehen verschwand (zumindest hoffte Spekulucius inständig, dass er das Ding nie wieder sehen musste – fürs erste hatte er die Spitznase voll vom Zeitrasen, ihm wurde unheimlich schlecht davon).

Aufgeregt schaute er sich um. Die bescheuerten Dämonen konnten etwas erleben, wenn er sie in die Finger bekam – niemand schickte einen Emon einfach in eine andere Zeit! Doch zunächst lagen seine Prioritäten woanders. Er wollte seine Schwestern und Brüder finden. Pragmatisch wie er war, hatte er sich gleich zu der Turnhalle kutschieren lassen, wo er seine Geschwistern zuletzt gesehen hatte, und tatsächlich roch es hier noch unverkennbar nach Emonenrazzia. Er würde dem Geruch folgen, bis er das Quartier von diesen Magiern fand, die seine Geschwister entführt hatten. Dann würde er die Hexenbrut zum Lachen bringen, sie in falscher Sicherheit wiegen. Und dann würde er ihre Freude essen und zusehen, wie ihre Gesichtsfarbe mit jedem Herzschlag ein wenig grauer und ihre Mundwinkel ein wenig schlaffer wurden. Ah, Rachefestmähler waren fantastisch! Und dann würde er die Dämonen suchen! Jawohl! Guter Plan!

Allerdings hatte der Plan einen Haken. Spekulucius folgte dem Geruch von zornigen Emonen bis zur Hauptstraße – und dort verlor sich der Geruch zwischen den Düften nach Glühwein und Zimtmandeln, dem Duft von „Morgen ist Heiligabend“ und „Hurra, Weihnachtsfeier überlebt!“. Er könnte natürlich auch einen Snack auf dem Weihnachtsmarkt vertragen. Nun, da die Zeitreisekrankheit abebbte, bekam er Hunger. Wenn er nicht von seinem knurrenden Magen abgelenkt wurde, konnte er sich bestimmt viel besser auf die dünner werdende Spur konzentrieren … Aufmerksam ließ Spekulucius seinen Blick schweifen. Da! Die Frau mit dem Steißlangen schwarzen Haar, die viel mehr Freude ausdünstete als ihre schwarze Gewandung vermuten ließ! Durfte jemand, der mit einem bodenlangen, spitzenbesetzten Mantel durch die Gegend lief, überhaupt so viel Glück verströmen? Sie (die Sophia Baker hieß) lächelte nicht einmal, doch Spekulucius schnappte etwas auf, das sie für ihn genauso attraktiv machte wie Zuckerwatte auf Plateauabsätzen. Er hatte lange keine Erwachsene mehr erlebt, die sich so ausgiebig über Neuschnee freute! Spekulucius musste aufpassen, dass er nicht auf den Asphalt sabberte, während er ihr durch das Gewühl des Weihnachtsmarkts folgte.

Sophia Baker hielt vor einem Stand inne, der Tannengestecke anbot. Spekulucius machte sich zum Sprung bereit, er konnte sie praktisch schon schmecken…

UFF.

„Ey, was soll das denn? Runter von mir!“

„Spekulucius, da bist du ja!“, raspelte jemand über ihm „Wir haben uns solche Sorgen gemacht, du warst plötzlich weg!“ Der unverschämte Jemand biss ihm in den Nacken.

„Geh von mir runter, Schwester!“ Spekulucius strampelte, doch seine Schwester stupste ihn immer noch mit der Nase in den Nacken. „Ich freu mich auch dich zu sehen! Wie seid ihr den Magiern entkommen? Wo sind die anderen? Magst du mit mir essen?“

„Essen?“ Endlich ließ seine Schwester ihn los. „Klar, immer! Den anderen geht’s gut, die sind alle da hinten.“ Sie nickte zur Kirchturmspitze hinüber.
„Oh!“ Augenblicklich vergaß Spekulucius Sophia Baker. „Gottestdienst ist auch gut.“
Seine Schwester schüttelte den Kopf. „Nein, nicht in die Kirche, auf den Friedhof.“

„Hä? Da gibt’s doch nichts zu essen.“ Verständnislos runzelte Spekulucius die Stirn. „Wieso seid ihr überhaupt so weit ab vom Schuss? Das hier ist doch das reinste Schlaraffenland!“ Begeistert deutete er auf den Weihnachtsmarkt, doch seine Schwester ruckte nur halbherzig mit dem Kopf.

„Ach das. Nee, Spekulucius, das schmeckt alles nicht.“
„Wie bitte? Du liebst die Kinderstrahleaugen! Als Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch!“
„Ach nee. Das ist eklig. Viel zu süß.“
„Aber-“
„Du musst unbedingt mal frische Witwe probieren.“ Seine Schwester strahlte verträumt.
„Aber an frischen Witwen ist doch nichts dran!“ Spekulucius rümpfte die Nase, doch seine Schwester hörte gar nicht zu.
„Oder Leute, die abends alleine vor ihren Lichterketten sitzen! Ich war letztens bei einer Frau namens Violetta-“
„Oh, die kenne ich!“
„Lecker!“
„Ja!“
„Und dann hat sie sich so gefreut, als ich ihre ganze Einsamkeit aufgegessen hab!“
„Du hast was?“ Nun entglitten Spekulucius die Gesichtszüge. „Haben sie dir eine Gehirnwäsche verpasst?“
„Ach was.“ Seine Schwester schenkte ihm einen mitleidigen Blick und tätschelte ihm die pelzigen Ohren. „Schätze, das ist wie mit dem Wein. Wenn man jung ist, kann man kaum genug von dem süßen Pappzeugs kriegen, aber wenn man älter und reifer wird, weiß man den feinen Trockenen zu schätzen.“
Spekulucius verschlug es die Sprache – für etwa zwei Herzschläge. „Ich bin älter als du!“
Seine Schwester zuckte mit den schmalen Schultern. „Älter vielleicht, aber nicht reifer. Jetzt entschuldige mich, Bruderherz, ich bin am Verhungern.“

– – –

„Lach nicht so schadenfroh!“ Maras van Nill rammte Artemis Ravenna den Ellbogen in die Rippen, die in ihrem Versteck hinter dem Glühweinstand in den Ärmel ihrer Uniform kicherte. „Der Knirps ist fix und fertig!“

„Hör auf, Mitleid zu heucheln, Vanilla, das nimmt dir niemand ab.“ Artemis grinste. „Außerdem soll ich doch lachen, oder nicht? Oder willst du den Lockvogel spielen für unseren letzten Ausreißer?“

Maras winkte ab und hob ihre Holzkiste auf. „Du musst nicht mal spielen, du bist enthusastisch genug für zwei.“

„Komm schon.“ Artemis klopfte ihr auf die Schulter. „Noch ein Fang, dann haben wir Weihnachtsferien!“

Während Artemis mit federnden Schritten auf den letzten Emon zuhielt, öffnete Maras die Emonen-Kiste. Ein Fang noch, ein letzter Fang, dann war der Job erledigt. Dann hatte sie endlich Urlaub – sogar Weihnachtsferien. Herrlich!

 

© Isabel Schwaak

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