24. Türchen

13-24

Spekulucius taumelte aus der Waschmaschine. Er spuckte Weichspüler und rülpste Therox. Dass ihn zwei misstrauische Hexen mit erhobenen Holztalismanen beobachten, machte alles bloß schlimmer.

„Es guckt viel biestiger als die anderen Emonen“, sagte die Hexe mit dem kurzen braunen Haar. „Vielleicht sollten wir-“
„Warte.“ Die Frau mit dem langen Zopf hielt ihre Kollegin am Arm fest. „Ich glaube, es muss sich übergeben.“

Doch Spekulucius würgte nicht. Sein Magen rumorte. Hunger. Ganz viel Hunger. Er schnüffelte. Die Hexen waren ganz offensichtlich freudig erregt, aber irgendwie … rochen sie nicht halb so appetitlich wie vor seinem Bad in der Theroxwaschmaschine. Er hätte Hunger auf ein wenig Festtagsstreit … Auf ein wenig Zorn und Wuttränen …


Maras van Nill stöhnte leise, als Einsatzleiter Grey ihr gönnerhaft auf die Schulter klopfte.

„Gute Arbeit, van Nill, Ravenna. Euer Emonenschwarm behebt gerade die Schäden, die ihre Artgenossen anrichten. Habt ihr mal überlegt, zum Amt für Unwesen überzuwechseln?“

Artemis spuckte beinahe ihren Kaffee über den Schreibtisch. Maras beschränkte sich darauf, ihren Boss finster anzufunkeln und zu knurren: „Wir haben den ganzen verdammten Dezember mit den Viechern verbracht, Sir. Auf GAR keinen Fall.“

„Das will ich euch auch geraten haben.“ Greys Mundwinkel zuckten. „Die Unwesenabteilung wollte, dass ich frage, aber wenn eine von euch ernsthaft über eine Kündigung nachdenkt, drehe ich euch den Hals um. So.“ Er wühlte in dem Papierstapel, der seinen Schreibtisch dominierte. „Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie einen Durchsuchungsbefehl für Valefar, nicht wahr, van Nill?“ Sein Schmunzeln wurde zu einem Grinsen. „Sie scheren sich doch ohnehin nicht um Weihnachten?“


Moira Bran ließ den Blick durch die Redaktion schweifen. Weihnachtsfeier war irgendwie schon immer das falsche Wort für das gewesen, was die Gazette an ihrem letzten Arbeitstag vor den Feiertagen veranstaltete. Frances hatte verspätete Hanukkah-Speisen mitgebracht, Paul Yang ließ die Schafe aus der Miniaturkrippe ausbüchsen (sie taten sich an den Mistel- und Tannengestecken gütlich), Tony Porter und Daniel Wessex versuchten, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen, doch in dem mettrunkenen Singen der Wintersonnenwend-Feierer gingen ihre Stimmen unter. Frances und Charlie legten einen Stepptanz auf dem Konferenztisch hin. Und mittendrin stand Rose Vesner und fotografierte das bunte Treiben. Mit ihrem Scotch in der Hand und ihrer Zigarette im Mundwinkel schlenderte Moira zu ihr hinüber.

„He, Sie haben Urlaub. – Au!“ Es blitzte. Moira kniff die Augen zu, dich Sternchen sah sie trotzdem. „Geister und Sterne, warnen Sie doch vorher!“
Rose ließ die Kamera sinken. „Entschuldigen Sie. Ich habe bloß kaum Fotos von den Kollegen …“
„Und Sie sind auf keinem einzigen drauf.“
„Das macht überhaupt nichts.“ Rose lächelte nicht oft, doch nun grinste sie sogar. „Ich bin gerade einfach nur froh drüber, dass noch kein einziges Motiv geblutet hat.“
Moira rieb sich die Augen. „So schlimm waren ihre Nosfera-Fotos auch nicht.“
„Erzählen Sie das Mr. Sweeney. Ich danke den Sternen, dass wir noch unsere Jobs haben.“ Mit ernster Miene nickte Rose zu Charlie hinüber, der seit ihrem Alleingang mit der Vampir-Story kein Wort mehr mit ihnen geredet hatte. Erst, seit sich die erfreulichen Verkaufszahlen herauskristallisierten, schenkte er ihnen ab und zu wieder einen nicht-bösen Blick.

„Er kriegt sich schon wieder ein.“ Moira nahm einen Schluck Scotch. „Tut er immer, sobald er seine Abrechnung macht. Und die Leute sagen, ich sei geldgierig.“
„Miss Bran!“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Vesner. Ihr Job ist sicherer als meiner.“ Sie prostete Rose zu. „Frohe Weihnachten.“


Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, schloss die Augen und lauschte. Ruhe. Wunderbare Ruhe. Nur das ferne Rauschen des Flüsschens, der würzige Duft von Laub und Lärchennadeln, das Rascheltappen von Vogelfüßchen. Und der Herzschlag des Mannes, der sich dieser Tage Jonathan nannte, der sie ein wenig enger an sich zog, dessen Lippen sacht über ihre Stirn strichen, und der genau wusste, wann jedes Wort überflüssig wurde. Es tat so gut, wieder zu Hause zu sein.

„Ich muss noch den Nachtisch machen“, murmelte sie gegen Jonathans Hals.
„Gar nichts musst du“, wisperte er in ihre Haare. „Wir werfen einfach ein paar Äpfel und Zimt in den Ofen.“
Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, öffnete schlagartig die Augen. „Das mit dem Blut machen wir aber bitte vor dem Essen. Wirklich. Nick, Alex und ich reihern im Chor über den Tisch, wenn irgendwer auf die Idee kommt, Zimtblut zu machen.“
Der Mann, der sich dieser Tage Jonathan nannte, grinste. „Ich werde es unserem Töchterlein sagen. Obwohl das Zeug wirklich nicht schlecht schmeckt.“
„Bäh.“ Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, warf einen letzten langen Blick über die Terrasse, den Garten, die wundervolle, vampirfreie Wildnis, ehe sie auf die Beine kam.
„Wo willst du hin?“ Der Mann, der sich dieser Tage Jonathan nannte, hielt ihre Hand fest.
„Äpfel waschen. Und einen Antrag schreiben, dass ich die nächsten fünf Jahre keine Vampirsecurity mehr mache.“
„Na endlich!“ Mit einem wohligen Seufzen erhob sich auch Jonathan. „Das wurde auch Zeit.“


Cinn räkelte sich in der Glut. Ja, hier ließen sich die Feiertage aushalten. Hier gab es Musik und halbwegs interessante Gespräche, und er wurde regelmäßig gefüttert. So ließ es sich leben…

Die Ofentür öffnete sich. Die rabenhaarige Nachtalbe schob ein Blech hinein. Cinn schnupperte entzückt. Bratäpfel! Ja, er hatte sich die richtige Familie zum Überwintern ausgesucht!

 


© Isabel Schwaak

Allen, die sich bis hierhin durchgekämpft haben, wünsche ich wunderbare Feiertage! Lasst es euch gutgehen, lasst das Jahr schön ausklingen 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu “24. Türchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s