Buchempfehlung: Wintersong von S. Jae Jones

Eigentlich ist Vanessa Glau vom Papierstudio an allem schuld, sie hat das Buch nämlich vor einiger Zeit besprochen, und nach ihrem Text konnte ich einfach nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Eine Geschichte, die sich wie das Liebeskind aus Christina Rossettis „Goblin Market“ und dem David Bowie-lastigen Klassiker Labyrinth anhört? Denn genau das hat S. Jae Jones mit ihrem Debüt-Roman Wintersong erschaffen. Immer her damit! Gleich vorab: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, bisher ist es auch noch nicht auf Deutsch erschienen.

WINTERSONGWorum geht’s?

Elisabeth ist die älteste Tochter ihrer Familie. Die jüngere Schwester Katharina ist eine lebenslustige Schönheit, Brüderchen Josef ein Wunderkind an der Violine. Elisabeth, oder Lisel, wie sie liebevoll genannt wird, bleibt dabei oft auf der Strecke. Als Katharina von dem Koboldkönig entführt wird, muss Elisabeth ihren Weg in die Unterwelt finden, um ihre Schwester zu retten. Für die Freiheit ihrer Schwester bezahlt sie allerdings mit ihrem eigenen Leben. Sie bleibt selbst in der Unterwelt zurück, wo sie es mit den merkwürdigen Zauberkünsten der Kobolde, dem Koboldkönig, vor allem aber mit sich selbst zu tun bekommt.

Warum die Empfehlung?

Wintersong ist eine ganz besondere Geschichte. Es hätte irgendwie furchtbar werden können, die Liason zwischen Elisabeth und dem „Goblin King“ (der vor meinem geistigen Auge zwar nicht wie David Bowie aussieht, in meinem geistigen Ohr aber durchaus so klingt). Ist es aber nicht. Die Queste um ihre Schwester verwandelt sich für Elisabeth vor allem in eine Suche nach sich selbst. Ihre Beziehung zum Koboldkönig ist ein zartes Band, das angesichts von Elisabeths anderen Problemen beinahe in den Hintergrund gerät – was ich sehr erfrischend fand, da die Liebesgeschichten oft sehr dominant sind. Außerdem strotzt dieses Buch vor mythologischen Anleihen und Zitaten – ganz viel Christina Rossetti, jede Menge Musik, und auch Goethe kommt nicht zu kurz – wie auch, wenn der Erlkönig eine so zentrale Rolle spielt. Ich für meinen Teil liebe so etwas. Abgesehen von der besonderen Geschichte ist das Buch auch wunderschön geschrieben. S. Sae Jones verwebt Elisabeths Gedankenwelt in zarte Prosa, ein bisschen poetisch, ein bisschen kantig, eben wie die Protagonistin selbst.

Beziehungsdrama? Nicht ganz.

Wie gesagt, es gibt eine Beziehung zwischen Elisabeth und dem Koboldkönig. Und die war selbst für mich, die Romantik in Geschichten in der Regel extrem kritisch gegenübersteht (vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch), sehr schön gemacht. Denn eigentlich geht es weniger um die Beziehung zwischen den beiden Figuren, sondern um die Beziehung, die Elisabeth mit sich selbst hat. Die ist wichtig – für den Koboldkönig, für die Unterwelt, für die Natur, die die Kobolde mit ihrem Treiben beeinflussen. Mir hat dieser Aspekt so gut gefallen, weil ich bei sehr vielen Büchern das Gefühl habe, dass die Protagonistinnen sich so stark auf ihre Liebhaber fixieren, dass sie selbst irgendwie blass und leer bleiben oder werden. Und genau das passiert hier nicht – der Schwerpunkt liegt genau darauf, dass Elisabeth sich erst einmal selbst kennenlernen muss, bevor irgendeine Art von romantischer Beziehung auf fruchtbaren Boden fallen kann.

Der Weltenbau

… ist ein Traum. Die Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert, irgendwo in Süddeutschland. Elisabeths Familie ist mehr oder minder christlich, nur die Großmutter hängt noch dem „alten Glauben“ an, befolgt Rituale und erzählt den Kindern immer wieder von der Unterwelt und dem Koboldkönig. Diese Konstruktion ist nichts neues (ich habe gleich nach Wintersong ein weiteres Buch angefangen, das genau diese „nur wenige glauben noch an die Alten Götter“-Sache weiterspinnt), aber ich mochte sehr, wie es umgesetzt wurde – vor allem, da ¾ des Buchs dann tatsächlich in der sehr merkwürdigen, düsteren, mulmigen, magischen, leicht klaustrophobischen Unterwelt spielt, in der Sonnenlicht nur durch magische Tricks vordringt, sich Wände verschieben und man durchaus vorsichtig sein sollte, wohin man seine Füße setzt und was man isst. Zum Weltenbau gehört in diesem Fall auch die Figur des Koboldkönigs und seine Funktion für die Welt. Fand ich sehr faszinierend, ich hätte gerne mehr über ihn erfahren, aber der Schluss lässt eine Fortsetzung verlauten. Jedenfalls arbeitet Jae Jones sehr schön mit verschiedenen mythologischen Elementen. Kobolde, Feen, Wechselbälger, verzaubertes Essen, magische Musik… hachja.

(so sieht die Unterwelt in Wintersong nicht aus).

Musik, Musik, Musik

Wintersong macht auch etwas, das ich länger nicht mehr gesehen habe: Es zieht konsequent ein Thema durch. Musik ist ein zentrales Thema – das Buch hat den „Song“ nicht nur zur Zierde im Titel. Entsprechend spielt die Autorin mit musikalischen Bezügen, sowohl, wenn sie die Geschichte mit einer Overtüre beginnt, mit einem Intermezzo unterbricht, als auch, wenn sie zwei Sonaten ins Zentrum von Elisabeths Gedankenwelt stellt. Elisabeth, die, obwohl sie immer im Schatten ihres begnadeten Bruders stand, selbst eine begabte Komponistin ist, nimmt die Welt in musikalischen Facetten wahr – und genau so lesen sich ihre Beobachtungen und Beschreibungen. Ihre Musik ist ihr wertvollster Schatz, ihr Kapital, das sie als Opfer für ihre Schwester darbringt und das ihr letztlich den Schlüssel für ihre Konflikte in die Hand drückt.

Sprache 2.0.

Nicht nur ist die Prosa in diesem Buch wunderschön, Jae Jones hat allerdings sogar Lokalkolorit reingebracht und wartet mit jeder Menge deutsch auf – das war für mich in einem englischen Text zunächst gewöhnungsbedürftig, hat mir insgesamt aber sehr gut gefallen weil sie so schön zur Atmosphäre beitragen (wie gesagt, die Geschichte spielt im deutschsprachigen Raum). Auch wenn ich gelegentlich schmunzeln musste, weil die Autorin Artikel nicht dekliniert hat, sodass „der Erlkönig“ immer in dieser Form bestehen bleibt, ob es grammatikalisch passt oder nicht, aber es stört nicht, sondern gibt dem Ganzen einen besonderen, exotischen Touch (und nein, ich hätte nicht gedacht, dass ich „exotisch“ und „deutsch“ mal im selben Zusammenhang verwende 😉 ).

Wer sollte vielleicht lieber die Finger davon lassen?

Diejenigen, die mit Goblins als Fabelwesen nichts anfangen könnten. Diejenigen, die eine 0815-Lovestory erwarten.

Und diejenigen, die zu viel Labyrinth erwarten, könnten möglicherweise enttäuscht werden. Ich habe mal ein bisschen durch die Rezensionen gestöbert, und scheinbar ist das Buch stark in Bezug auf den Labyrinth-Film und David Bowies Goblin King-Figur darin beworben worden. Labyrinth ist gleichzeitig niedlich und milde creepy und gruselig, aber alles in allem eher harmlos. Das kann natürlich entsprechende Erwartungen wecken – scheinbar waren einige Leser enttäuscht von der Richtung, die das Buch irgendwann nahm; vor allem die Thematisierung von Elisabeths Sexualität hat wohl so manchen geärgert. Aber gut. Mich hat der Labyrinth-Hype im Marketing schon ein wenig erstaunt, da die Geschichte nicht nur stark auf Labyrinth, sondern auch auf Christina Rossettis Goblin Market Bezug nimmt – ein durchaus düsteres Gedicht, in dem es darum geht, dass Kobolde zwei junge Mädchen verführen wollen.

Wer aber Lust auf eine besondere Geschichte in wunderschöner Sprache, gut aufgebauten Figuren, viel Mythologie und guten Einfällen hat, dem kann ich Wintersong nur wärmstens ans Herz legen. Ich war am Ende wirklich traurig, dass es schon vorbei war, aber scheinbar kommt nächstes Jahr die Fortsetzung. Juhu 🙂

Kennt ihr das Buch schon? Wenn ja, wie hat es euch gefallen?

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2 Gedanken zu “Buchempfehlung: Wintersong von S. Jae Jones

  1. Freut mich sehr, dass das Buch dir genauso gut gefallen hat wie mir! Jetzt bin ich fast froh, dass ich diese Einflüsse (das Gedicht und Labyrinth) vorher nicht kannte – mir fallen ungefähr hundert Songs ein, die besser zu der Geschichte passen würden als der von David Bowie. Die Autorin meint ja auch, Mozart wäre eine große Inspiration gewesen, und das glaube ich ihr sofort.

    • Ja, die Mozart-Inspiration merkt man auch sehr stark, und als ich gelesen habe, dass das Marketing Richtung Labyrinth ging, war ich wirklich erstaunt, weil die ganze Grundstimmung von Wintersong viel … mh … weniger abgefahren ist als dieser Film, sondern eher diese düstere, poetische Schönheit hat (die insgesamt, finde ich, dann auch eher zu Rossetti passt, zu der klassischen Musik, über die die ganze Zeit gesprochen wird, oder zu Goethe 🙂 ). Gestern habe ich dann auch gelesen, dass nächstes Jahr „Shadowsong“ erscheint und bin jetzt schon sehr gespannt.

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