Buchempfehlung: Wintersong von S. Jae Jones

Eigentlich ist Vanessa Glau vom Papierstudio an allem schuld, sie hat das Buch nämlich vor einiger Zeit besprochen, und nach ihrem Text konnte ich einfach nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Eine Geschichte, die sich wie das Liebeskind aus Christina Rossettis „Goblin Market“ und dem David Bowie-lastigen Klassiker Labyrinth anhört? Denn genau das hat S. Jae Jones mit ihrem Debüt-Roman Wintersong erschaffen. Immer her damit! Gleich vorab: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, bisher ist es auch noch nicht auf Deutsch erschienen.

WINTERSONGWorum geht’s?

Elisabeth ist die älteste Tochter ihrer Familie. Die jüngere Schwester Katharina ist eine lebenslustige Schönheit, Brüderchen Josef ein Wunderkind an der Violine. Elisabeth, oder Lisel, wie sie liebevoll genannt wird, bleibt dabei oft auf der Strecke. Als Katharina von dem Koboldkönig entführt wird, muss Elisabeth ihren Weg in die Unterwelt finden, um ihre Schwester zu retten. Für die Freiheit ihrer Schwester bezahlt sie allerdings mit ihrem eigenen Leben. Sie bleibt selbst in der Unterwelt zurück, wo sie es mit den merkwürdigen Zauberkünsten der Kobolde, dem Koboldkönig, vor allem aber mit sich selbst zu tun bekommt.

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23. Türchen

13-23

Spekulucius genoss jeden Atemzug. Endlich wieder Gegenwartsluft! Die 1940er hatten wirklich gestunken! Zeitreisen waren eindeutig überbewertet! Dankbar winkte er dem Auto hinterher, das ihn hier abgesetzt hatte. Der alte Kerl mit dem wilden weißen Haar winkte durch die Rückscheibe, ehe er beschleunigte (es quietschte so fürchterlich, dass es Spekulucius in den Ohren klingelte) und das Auto auf Nimmerwiedersehen verschwand (zumindest hoffte Spekulucius inständig, dass er das Ding nie wieder sehen musste – fürs erste hatte er die Spitznase voll vom Zeitrasen, ihm wurde unheimlich schlecht davon).

Aufgeregt schaute er sich um. Die bescheuerten Dämonen konnten etwas erleben, wenn er sie in die Finger bekam – niemand schickte einen Emon einfach in eine andere Zeit! Doch zunächst lagen seine Prioritäten woanders. Er wollte seine Schwestern und Brüder finden. Pragmatisch wie er war, hatte er sich gleich zu der Turnhalle kutschieren lassen, wo er seine Geschwistern zuletzt gesehen hatte, und tatsächlich roch es hier noch unverkennbar nach Emonenrazzia. Er würde dem Geruch folgen, bis er das Quartier von diesen Magiern fand, die seine Geschwister entführt hatten. Dann würde er die Hexenbrut zum Lachen bringen, sie in falscher Sicherheit wiegen. Und dann würde er ihre Freude essen und zusehen, wie ihre Gesichtsfarbe mit jedem Herzschlag ein wenig grauer und ihre Mundwinkel ein wenig schlaffer wurden. Ah, Rachefestmähler waren fantastisch! Und dann würde er die Dämonen suchen! Jawohl! Guter Plan!

Allerdings hatte der Plan einen Haken. Weiterlesen »

22. Türchen

13-22

„Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Die alte Hexe setzte ächzend ihre Last im Schnee ab. Nichts geschah. „Ich hab Plätzchen“, fügte sie hinzu. Für gewöhnlich stellte sich Rapunzel taub für jeden, der nicht ihre Ziehmutter war, und tatsächlich öffneten sich die Turmfenster nur zögerlich.

„Wir kaufen nichts!“, tönte eine gelangweilte Stimme, ehe ein ebenso gelangweiltes Gesicht im Fensterrahmen erschien. Das Mädchen wurde mit jedem Jahr hübscher, das musste die Hexe zugeben. Allerdings hatte die Pubertät Rapunzel in den Klauen, und das genervte Schmollen, das sie in Gegenwart von Erwachsenen auf ihr Gesicht schraubte, stand ihr genauso wenig wie allen anderen Teenagern. „Ach, du bist’s, Greta. Moment.“

Mit einem dumpfen Plumpsen landete ein Zentner dicken blonden Haares neben der Hexe auf der verschneiten Erde.
„Danke, Liebes. Warte einen Augenblick, ich muss nur-“
„Oah, nee!“ Prompt schnellten die Haare wieder nach oben.
„Junge Dame!“ Entnervt hob Greta den Kopf. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit! Deine Mutter kommt bald, wir müssen noch den Baum schmücken und-“
„Du schnallst keinen Weihnachtsbaum an meine Haare!“ Empört funkelte Rapunzel von ihrem Turm. „Seh ich aus wie ein Lastenzug?“
Greta verbiss sich den naheliegenden Kommentar, dass Rapunzel wortwörtlich für jeden Besucher den Fahrstuhl spielte – die Sache mit dem Turm war wirklich nicht Gothels beste Idee gewesen. Weiterlesen »