18. Türchen

13-1818. Dezember 1947, New York, Manhattan, Redaktion der Paranormal Gazette

„Ich kann so nicht arbeiten!“ Moira Bran zerknüllte die dritte Version ihres Artikels über die Nosfera-Tours-Weihnachtsfeier, die sie gerade von ihrem Chefredakteur zurückerhalten hatte. Auf dem zerknitterten Papier prangte Charles Sweeneys rottintige Handschrift: Das kannst du so nicht schreiben!

„Miss Bran, wären Sie so freundlich?“ Rose Vesner hob nicht einmal den Kopf. Sie war zu beschäftigt mit den Abzügen ihrer Fotos der Nosfera-Tours-Weihnachtsfeier, doch sie wedelte ungehalten den Zigarettenqualm fort.

Moira tat ihr den Gefallen und rauchte in eine andere Richtung. „Das ist Zensur! Diese Veranstaltung war das reinste Chaos; sollen wir uns hinstellen und so tun, als würden die Herrschaften von Nosfera-Tours irgendetwas hinbekommen, ohne dass Zeter und Mordio geschrien wird?“ Sie machte sich nicht die Mühe, die Stimme zu senken. Charlies Bürotür stand offen, und er wusste recht genau, wie sie zu den jüngsten Einschränkungen stand. Prompt erschien sein bebrilltes Gesicht im Türrahmen.

„Wir können aber auch nicht schreiben, dass sich die Vorstandsmitglieder des mächtigsten internationalen Vampirkonzerns unter dem Weihnachtsbaum geprügelt haben!“
„Das haben sie aber“, sagte Rose.Weiterlesen »

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14. Türchen

13-14

14. Dezember 1947, New York City, Manhattan – Weihnachtskongress der Nosfera-Tours GmbH

„Blut und Zimt ist wirklich eine schräge Mischung“, stellte Moira zwischen zwei Schlucken Scotch fest.

Ihre hübsche Gesprächspartnerin verdrehte die Augen und bleckte ihre Reißzähne. „Ich bin auch kein großer Freund davon, aber die Leute laufen Amok, wenn sie zu Weihnachten keine Gewürze kriegen.“ Obwohl sie ihr Cocktailglas mit dem roten Inhalt und der dekorativen Zimtstange ausgesprochen feindselig musterte, nippte sie daran. „Haben Sie weitere Fragen, Miss Bran?“
„Eine noch, Madame Báthory.“ Moira tippte mit dem Kugelschreiber auf ihren Notizblock. „Warum veranstalten Sie den Kongress dieses Jahr ausgerechnet in New York? Wäre es nicht sicherer für Sie gewesen, sich an einem Ort zu treffen, der nicht so-“
„Da fragen Sie besser Mr. Harrison“, fiel ihr Madame Báthory ins Wort. „Ich wollte von Anfang an nicht herkommen. New York ist schrecklich – schrecklich! Aber Harrison hat zwei Jahre rumgejammert, also …“ Sie zuckte mit den Schultern, leerte ihren Zimt-Blut-Cocktail und ließ Moira stehen.Weiterlesen »

7. Türchen

13-07

Dezember 1947, New York, Manhattan, Sub Side

Moira Bran zurrte ihre Armbinde zurecht und versuchte, nicht durch den Mund einzuatmen. Das Wartezimmer von Heilerin Donaghue war brechend voll: Ein Satyr mit gebrochenem Unterschenkel, eine Walküre mit Triefnase, ein volltrunkener Feenmann auf der Fensterbank, kleepockige Leprechauns, eine Sirene mit Husten. Und natürlich ein Haufen Bazillenschleudern im Kindergartenalter. „Grandma, du hättest wirklich nicht mitkommen müssen. Mrs. Donaghue schaut nur nach dem Verband, und dann-“

„Du lässt dir nur wieder Therox aufschwatzen“, fiel ihr Catriona Bran ins Wort. Die klapperdürre Hexe mit den feinen kastanienbraunen Locken und dem durchdringenden Blick gab Moira eine gute Vorstellung davon, wie sie selbst mit achtundneunzig aussehen würde.

„Ich hab mir noch nie Therox aufschwatzen lassen, Grandma. – Oh, Himmel…“ Nicht einmal in der Sub Side, wo sich ausschließlich Paras herumtrieben, hatte man Ruhe vor dem Glöckchengebimmel aus dem Radio. Moiras Tinnitus reagierte prompt.Weiterlesen »

1. Türchen

13-01

1. Dezember 1947, New York City, Manhattan, Redaktion der NY Paranormal Gazette

„Frannie, das Gesteck hängt gerade. Wirklich.“ Moira Bran tippte den Schlusssatz ihres Artikels über satyrischen Panflötenschmuggel. Da sie zurzeit nur ihre linke Hand gebrauchen konnte, dauerte es, doch als sie aufblickte, kämpfte Frances Goldenblatt noch immer mit dem riesigen Mistelgesteck über der Eingangstür des Redaktionsraums. Fotografen und ihr Sinn für Ästhetik, dachte Moira und kam ächzend auf die Beine. „Brauchst du Hilfe?“

„Pfoten weg!“ Frances‘ ungehaltener Blick streifte Moiras Armbinde (als Dienstälteste beherrschte sie das lautlose Tadeln perfekt), ehe sie sich wieder dem Stern widmete. „Hast du nicht erst vor zwei Stunden über den Humbug geschimpft?“

„Zu Recht.“ Moira hob eine Augenbraue. Weiterlesen »