21. Türchen

13-21

Einundzwanzigstes Jahrhundert, ganz am Anfang, Essen-Werden.

Der Mann, der sich dieser Tage Alex nannte, seufzte erleichtert, als endlich ein Taxi anhielt. Er ließ der Frau, die sich dieser Tage (immer noch) Tanya nannte, den Vortritt, schlüpfte fröstelnd hinter ihr auf die Rückbank und rückte näher an sie heran, damit der Mann, der sich dieser Tage Nick nannte, auch noch Platz hatte.

„Ich hasse, hasse, hasse vampirische Weihnachtsfeiern!“ Unwirsch rieb er die eisigen Hände aneinander. „Können die ihren Scheiß nicht endlich alleine regeln?“
„Fragen wir uns das nicht seit viertausend Jahren?“, entgegnete der Mann, der sich dieser Tage Nick nannte, lakonisch. Frost schimmerte in seinem langen, dunklen Haar.
Die beiden Männer drehten den Kopf, doch ausnahmsweise ermahnte die rabenhaarige Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, sie nicht zum positiven Denken. Der Mann, der sich dieser Tage Alex nannte, spürte nahezu körperlich, dass sie immer noch auf hundertachtzig war.
„Wisst ihr“, fauchte sie, während sie sich das Blut unter den Fingernägeln entfernte, „ich dachte, schlimmer als damals in New York könnte es gar nicht werden-“
„Aah, wir wussten doch, was da kommt“, fiel ihr der Mann namens Nick ins Wort. „Jonathan hat Horrorgeschichten von letztem Jahr erzählt, und Val vom Jahr davor …“
„… und die sechzig Jahre dazwischen hat sich auch nicht viel geändert, ja, ja, ich weiß!“ Die Frau namens Tanya verschränkte die Arme und holte tief Luft. „Trotzdem! In den Achtzigern war es nicht so ätzend!“

„Schwere Nacht gehabt?“ Die Taxifahrerin justierte den Rückspiegel, um ihre Passagiere besser sehen zu können. Hexe. Der Mann namens Alex hatte es am Geruch erkannt, aber diese hier sah mit ihren wilden Locken, dem schwarzen Lippenstift und dem Pentagramm am Rückspiegel auch genauso aus. Auf dem Beifahrersitz saß eine zweite Frau, die mit dem Pendel an ihrem Hals spielte. „Wir hatten heute auch schon einen Haufen Langzähne als Kunden. Nichts ist schlimmer als betrunkene Vampire.“

„Fahrt ihr deshalb zu zweit?“, fragte der Mann, der sich dieser Tage Nick nannte – offensichtlich heilfroh, Leidensgenossinnen gefunden zu haben.
„Sicherheit geht vor“, antwortete die zweite Hexe, eine schwarze Frau mit Brille und einem Mistelzweig im Haar. „Wo darf’s denn hingehen?“
„Zum Hauptbahnhof, bitte. Und …“ Tanya rieb sich die Schläfen, während die Dame am Steuer das Gaspedal durchtrat. „Könnten Sie vielleicht den Sender wechseln? Ich ertrage heute kein einziges Weihnachtslied mehr.“

Die Hexen kicherten, doch den drei Passagieren war nicht zum Lachen zumute. Sie hatten die ganze Nacht nichts anderes gehört. Klassiker waren eine Sache – die vampirischen Varianten eine andere. „Dracula is coming to town”, “Klingt, Zähnchen, Klingeling”, “Red Christmas”, “All I want for Christmas is blood”… Die Langzähne waren sich wirklich für nichts zu schade gewesen – zumindest zwischen den Prügeleien und der illegalen Blutorgie im Hinterhof. Musikalisch hatte es letzte Nacht nur ein Highlight gegeben, nämlich, als ausgerechnet Erzsébet Báthory, die notorische Beethoven-Verfechterin, auf die Theke gesprungen war und „Hells Bells“ zu einem Weihnachtslied erklärt hatte.

„Schauen wir doch mal!“ Ein Knopfdruck der Hexe auf dem Beifahrersitz würgte Mariah Careys Gejaule ab. Fünf Sender später drehte sie die Lautstärke auf und lehnte sich zufrieden zurück. Klavierklänge tönten durch das Auto, das nun Richtung Hauptbahnhof brauste. Die drei Herrschaften auf dem Rücksitz begannen einmütig, mit dem Kopf zu nicken und mitzusingen.

„Just a small-town girl, living in a lonely world. She took the midnight train, going anywhere…”

Die Hexe am Steuer beförderte sie so schnell durch die Stadt, dass der Mann, der sich dieser Tage Alex nannte, fragte, ob sie heimlich Magie gewirkt hatte. Andererseits waren die Straßen praktisch leer, so früh am Morgen. Sie würden noch eine Stunde auf den ersten Zug gen Heimat warten müssen, und dann weitere zwei Stunden in der Bimmelbahn verbringen … Der Mann namens Alex beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und stimmte stattdessen wieder in den herzhaften Gesang der Hexen ein, der noch anhielt, als die Dame am Steuer längst vor dem Hauptbahnhof geparkt hatte.

„Don’t stop believing, hold on to that feeeeeeling…“

Alle fünf nickten sie mit den Köpfen, bis die letzten Töne von Journey in ein Live-Konzert von Queen übergingen. Der Mann, der sich dieser Tage Nick nannte, öffnete nur widerwillig die Autotür.

„Die letzten fünf Minuten berechnen wir euch nicht”, grinste die Hexe auf dem Beifahrersitz.
Trotzdem gab die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, ein so großzügiges Trinkgeld, dass den Hexen die letzten fünf Minuten locker wieder wettmachte.
Die Hexe am Steuer winkte zum Abschied. „Passt schön auf euch auf, nicht, dass euch jemand klaut!“
„Und nicht immer nur feiern“, ergänzte die Dame auf dem Beifahrersitz mit einem Zwinkern. „Die Weihnachtszeit ist schließlich besinnlich!“ Damit bog das Taxi zurück auf die Hauptstraße. Der Bass wummerte durch die Nacht.

„Beyoncé?“, fragte der Mann, der sich dieser Tage Nick nannte, matt.
„Bowie“, antworteten Tanya und Alex wie aus einem Mund.
„Auch gut.“
Arm in Arm schlurften die drei ins Bahnhofsgebäude.

 

© Isabel Schwaak

Diese Geschichte ist Chrissi und Sabrine gewidmet 🙂

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3 Gedanken zu “21. Türchen

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